Lambert-Eaton-Syndrom
Prof. Dr. J.P. Sieb, Stralsund
Wie bei der Myasthenia gravis ist beim Lambert-Eaton-Syndrom die Impulsübertragung zwischen Nerv und Muskel gestört. Folge ist eine Muskelschwäche. Von der Myasthenia gravis unterschiedlich sind bei dieser Erkrankungen jedoch Krankheitsentstehung, Symptome und Therapieoptionen.
Das Lambert-Eaton-Syndrom ist im Gegensatz zu Myasthenie eine präsynaptische Störung, d.h. die Funktion der Nervenendigung ist beeinträchtigt. Es beruht wie die Myasthenie auf einer Fehlsteuerung des Immunsystems. Anders als bei der Myasthenia gravis finden sich jedoch keine Antikörper gegen den Acetylcholinrezeptor, sondern gegen spannungsgesteuerte Kalziumkanäle. Folge ist eine verminderte Transmitterfreisetzung (Transmitter = Botenstoff) an cholinergen Synapsen des motorischen und autonomen Nervensystems. Das autonome Nervensystem unterliegt nicht unserer Willkür und steuert beispielsweise Schweißsekretion und Darmtätigkeit. In 60% der Erkrankten geht das Lambert-Eaton-Syndrom mit einem kleinzelligen Bronchialkarzinoms einher (= paraneoplastisches Lambert-Eaton-Syndrom).
Klinisches Bild und Diagnostik
Charakteristisch für das Lambert-Eaton-Syndrom ist eine beinbetonte Schwäche der rumpfnahen Muskeln. Die Betroffenen klagen über eine Schwäche bei Ausdauerleistungen mit einer reduzierten maximalen Gehstrecke. Zusätzlich bestehen bei vielen Erkrankten autonome Auffälligkeiten, wie eine verminderte Schweißstörung, und Augensymptome (s.u.).
Klinisches Bild des Lambert-Eaton-Syndroms (nach O'Neil et al. 1988; Wirtz et al. 2002)
Verhältnis Männer/Frauen: 1,4/1
Durchschnittlicher Erkrankungsbeginn: 50 Jahre (Spannbreite 11-76 Jahre)
Schwäche/verminderte Ausdauerleistung:
Beine (bei 100 %), Arme (bei 80 %)
Hirnnervensymptome (bei 60 %, entgegen der Myasthenia gravis jedoch nicht bei Erkrankungsbeginn):
Ptose, Doppelbilder
Autonome Störungen (bei 80 %):
Mundtrockenheit, Erektions- und Ejakulationsstörung, Obstipation, Verminderte Schweißsekretion
Paraneoplastisch bei 60 % (kleinzelliges Bronchialkarzinom)
Diagnose
Fehl- und Nichtdiagnosen sind bei dieser seltenen Erkrankung leider nach wie vor die Regel. Grundsätzlich sollte bei jeder unklaren Beinschwäche an die Möglichkeit eines Lambert-Eaton-Syndroms gedacht werden. Die diagnostische Sicherung erfolgt durch den Neurologen im EMG-Labor (Abbildung). Bei zirka 10% der Lambert-Eaton-Syndrom können keine Kalziumkanal-Antikörper nachgewiesen werden. Insbesondere bei älteren Rauchern mit einem Lambert-Eaton-Syndrom muss mit aller Intensität nach einem Bronchialkarzinom gesucht werden. Das Lambert-Eaton-Syndrom kann mehrere Jahre der Krebserkrankung vorangehen.

Abbildung: Charakteristisch für das Lambert-Eaton-Syndrom ist eine Zunahme (= Inkrement) der anfänglich krankhaft kleinen Muskelantwortpotenziale durch Willküraktivität oder eine hochfrequente Serienstimulation während er EMG-Untersuchung:
In dieser Abbildung werden Muskelantwortpotenziale des M. extensor digitorum brevis (= Zehenstrecker) dargestellt (supramaximale Stimulation des N. peronaeus am Fußgelenk und Ableitung mit Oberflächenelektroden).
Oben: Typisch ist die anfänglich niedrige Amplitude des Muskelantwortpotenzials. Durch eine willkürliche Maximalkontraktion für 20 Sekunden kommt es zu einem Amplitudenanstieg auf zirka 400 %. Diagnostisch ist ein Anstieg von mehr als 100%.
Unten: Hochfrequente Serienstimulation mit 20 Hz führt zu einem Amplitudenanstieg bis auf von mehreren hundert Prozent.
Bei der niederfrequenten Serienstimulation mit einer Frequenz von 3 Hz findet sich bei einem Teil der Lambert-Eaton-Patienten eine Abnahme der Amplitude (= pathologisches Dekrement) wie der Myasthenia gravis, was gelegentlich zur Fehldiagnose einer Myasthenie führt (nicht dargestellt).
Therapie
Beim paraneoplastischen Lambert-Eaton-Syndrom ist die Tumortherapie vorrangig.
Gegen die Muskelschwäche sind zwei Therapieansätze gerichtet:
Die gestörte neuromuskuläre Signalübertragung wird medikamentös verbessert, wobei anders als bei der Myasthenia gravis Acetylcholinesterase-Inhibitoren, wie Mestinon® oder Kalymin®, nicht ausreichend wirksam sind. Dagegen ist der therapeutische Effekt des Kaliumkanalblockers 3,4-Diaminopyridin (3,4-DAP) gut belegt. Diese international nicht als Arzneimittel zugelassene Substanz kann in Deutschland im Rahmen eines so genannten individuellen Heilversuchs verordnet werden. Die Behandlung mit 3,4-DAP sollte vorsichtig mit einer auf mehrere Einzelgaben verteilte Tagesdosis von 10-20mg begonnen werden. Dann kann langsam auf 60-80 mg 3,4-DAP täglich gesteigert werden. Zu den dosisabhängigen und reversiblen Nebenwirkungen gehören periorale Paraesthesien (= Missempfindungen um den Mund), Magen-Darm-Beschwerden mit Durchfällen und Krämpfen sowie in hohen Dosen epileptische Anfälle.
Immunsuppressiva, d.h. vorwiegend Glukokortikoide (=Cortison) und Azathioprin (z.B. Imurek®), kommen vor allem bei Lambert-Eaton-Patienten ohne Krebserkrankung zur Anwendung. Bei Therapie-refraktären Verläufen werden auch i.v.-Immunglobuline und die Plasmapherese (= Blutwäsche) eingesetzt.
Weiterführende wissenschaftliche Literatur zum Lambert-Eaton-Syndrom
Köhler, W. & J. P. Sieb. Myasthenia gravis, Bremen:Uni-med, 2. Aufl. 2003.
O'Neill, J. H., N. M. F. Murray & J. Newsom-Davis. The Lambert-Eaton myasthenic syndrome.Brain 111:577-596, 1988.
Sieb, J. P., R. Dengler & F. Jerusalem. Das nichtparaneoplastische Lambert-Eaton-Syndrom. Eine häufig übersehene Diagnose? Nervenarzt 63:234-239, 1992.
Wirtz, P. W., M. Sotodeh, M. Nijnuis, P. A. van Doorn, B. G. M. van Engelen, R. Q. Hintzen, P.L. M. de Kort, J.B. Kuks, A. Twijnstra, M. de Visser, L. H. Visser, J. H. Wocke, A. R. Wintzen & J. J. Verschuuren. Difference in distribution of muscle weakness between myasthenia gravis and the Lambert-Eaton myasthenic syndrome. J. Neurol. Neurosurg. Psychiatry 73:766-768, 2002.
Der Autor steht gerne für Anfragen zur Verfügung
Prof. Dr. J.P. Sieb
Chefarzt der Klinik für Neurologie, Geriatrie und Palliativmedizin
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