Die Selbsthilfe braucht Hilfe

Ärzte-Zeitung, 14.11.2011 – Pressemitteilung – von Anno Fricke

Die Fülle an Aufgaben steigt, aber die Zuschüsse und das Personal nehmen nicht zu: Die
Selbsthilfe stößt an ihre Grenzen – weil sie immer mehr an Bedeutung im Gesundheits-wesen gewinnt. Geschätzt gibt es drei Millionen Mitglieder in rund 50 000 Gruppen.

BERLIN. Die zunehmende Bedeutung der Selbsthilfegruppen für die medizinische Versorgung stellt die Selbsthilfe vor Probleme. Es fehle an Menschen, die sich ehrenamtlich in den sich professionalisierenden Strukturen engagieren, und an Geld, um die zusätzlichen Aufgaben zu bezahlen.

Selbsthilfe helfe längst Versorgungslücken zu schließen

So beschrieb der Hauptgeschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft
Selbsthilfe (B.A.G.), Dr. Martin Danner, die Situation, auf die die Selbsthilfe
in Deutschland zusteuere. Die Selbsthilfe sei keine Gegenbewegung mehr zum
Behinderten entgegengebrachten Paternalismus, sondern helfe längst
Versorgungslücken zu schließen.

“Auch einmal Nein sagen”

Selbsthilfeorganisationen seien an der Formulierung von Behandlungsleitlinien beteiligt, zertifizierten bestehende Versorgungsangebote, bildeten von sich aus Pflegekräfte aus und unterstützten die Forschung an Arznei- und Hilfsmitteln. Er forderte die Selbsthilfe- organisationen auf, “auch einmal Nein zu sagen”. Die Selbsthilfe könne entscheiden, welchen Aufgaben sie sich stelle, wofür sie Ressourcen einsetze und mit wem sie zusammenarbeite.

Mehr Aufgaben, dann auch mehr Ressourcen

Vom Versorgungsstrukturgesetz hätte er sich gewünscht, dass die Selbsthilfe
als Partner für die Integrierte Versorgung akzeptiert worden wäre. Wenn das
Gesundheitssystem der Selbsthilfe neue Aufgaben übertrage, dann müssten auch
ihre Ressourcen gestärkt werden, forderte Danner. Bei den Kommunen sei die
Tendenz spürbar, sich aus der Finanzierung der Selbsthilfe zurückzuziehen.

Die Kommunen drehen den Geldhahn langsam zu

Die private Krankenversicherung solle ähnlich wie bei der Unabhängigen
Patientenberatung in die Finanzierung der Selbsthilfe einsteigen. Danner sprach
sich dafür aus, den Leitfaden Selbsthilfeförderung der gesetzlichen Kranken-   versicherung dahingehend weiterzuentwickeln, dass die Selbsthilfeorganisationen gestärkt würden. Zur Zeit behindere die Förderpraxis indikationsübergreifende  Zusammen-schlüsse.

1,9 Millionen Euro vom Bundesgesundheitsministerium
für 2012

Der Gesetzgeber erkenne die Arbeit der Selbsthilfe an, sagte
Staatssekretärin Ulrike Flach (FDP). Der Löwenanteil der staatlichen Zuschüsse
komme von den Kranken- und Pflegekassen, die rund 65 Millionen Euro für die
Selbsthilfe aufbrächten. Länder und Kommunen steuerten weitere 25 Millionen
Euro bei. Der demografische Wandel mache vor der Selbsthilfe nicht halt, sagte Flach.
Das Bundesgesundheitsministerium unterstütze den Generationenwechsel in den
Verbänden. Im kommenden Jahr stelle das Ministerium der Selbsthilfe 1,9
Millionen Euro zur Verfügung.

Entwurf des Patientenrechtegesetz in wenigen Wochen

Gespannt warten die in der Selbsthilfe engagierten Menschen auf das seit langem angekündigte Patientenrechtegesetz. In wenigen Wochen werde ein Entwurf
veröffentlicht, kündigte Ulrike Flach an. Er hoffe, dass er nicht nur die
Kodifizierung bereits praktizierten Richterrechts enthalte, sondern den
Patienten auch neue Rechte zugestehe, sagte Barmer GEK-Vize Dr. Rolf Schlenker.
So solle darin verankert werden, dass die Selbsthilfeorganisationen unabhängig
von Sponsoren aus der Industrie arbeiten könnten.

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